Lange war es sehr ruhig hier auf meiner Seite. Es liegen wahrlich stürmische Zeiten hinter mir. Also eigentlich spüre ich den rauen Wind noch immer. Der Schock meiner Rezidivdiagnose 2023 und die folgenden Behandlungen haben mir sehr viel abverlangt. Mehr als alles andere waren es aber die Auswirkungen auf unser gesamtes Familiensystem, die mich und uns in dieser unfreiwilligen zweiten Runde bis heute sehr belasten und unerwartet heftig herausgefordert haben. „Nachbeben, immer wieder“, wie ich es mal genannt habe, dieses Mal auf der nach oben offenen WTF-Skala!
Eines steht fest: das „Zurück ins Leben“ ist oft mindestens noch einmal genauso herausfordernd wie die Zeit der Akuttherapien. Persönlich fand ich es dieses Mal sogar schwerer, weil ich mich nicht nur mehr allein gelassen gefühlt, sondern mich auch mit viel mehr unterschiedlichen Nachwirkungen, Sorgen und Fragestellungen konfrontiert gesehen habe. Gleichzeitig gibt es den so verständlichen Wunsch nach „alles wieder gut“ – aus dem Umfeld, aber eben auch in uns Patientinnen selbst.
Die Krebs-Bloggerin und Autorin Nella Rausch nennt diese Zeit liebevoll die „verflixte dritte Phase“. Und liefert mit ihrem neuen Buch „Fliegen mit verklebten Federn“ eine echte Schatztruhe an persönlichen Geschichten, Erfahrungen und Strategien zum Umgang mit häufigen Fragestellungen dieser Zeit nach Krebs. Ich finde das Buch echt empfehlenswert* und da es auch gerade so gut zu meiner eigenen anhaltenden Genesung passt, widme ich ihm mit Freude meinen ersten Post seit langem.

In neun Kapiteln nimmt uns Nella mit auf eine Reise durch die „verflixte dritte Phase“, die Zeit also, in der außen alles überstanden wirkt und gleichzeitig innen die Auseinandersetzung mit Verlust und Verlorensein, Sinn und Selbstwert, Perspektiven und Chancen beginnt. Die Beschreibung zeigt schon, es ist nicht alles schlecht in dieser dritten Phase, aber es ist oft ein Prozess, der noch einmal Zeit, Energie und nicht selten Nerven braucht. All das beschreibt Nella liebevoll und vielfältig emotional anhand ihrer eigenen Erlebnisse und Begegnungen. Wir dürfen dabei immer wieder auch hineinhören in Gespräche, Situationen und be-merkenswerte Sätze, die nur das wirkliche Leben so schreiben konnte (ähm, na ja und Nella natürlich!): z.B. von Margarethe, Nellas weiser und geduldiger Psychoonkologin oder auch in zahlreichen Expert*innen-Interviews, die Nella im Rahmen ihres Podcasts „Nellas Neuaufnahme“ zu verschiedenen „Dritte Phase“-Themen geführt hat. Das Tolle: über den beigefügten QR-Code kann man auch gleich in das jeweilige Interview direkt reinhören und tiefer gehen.
Apropos Themen, hier deckt Nella wirklich eine erstaunliche Bandbreite ab, sowohl in den möglichen Herausforderungen wie auch in den Strategieempfehlungen. Von Angst, Krankheitsverarbeitung und Sinn über Partnerschaft bis Job, Grenzziehung und Ernährung. Mit Hinweisen zu heilsamem Schreiben, positiver Psychologie (wer mich kennt – yeah!), Inputs zu Fatigue, Bewegung, Atmung, Meditation, Checklisten für den beruflichen Wiedereinstieg und und und.
Nella schreibt leidenschaftlich und erzählt gern Geschichten und das merkt man ihrem Buch an. Mitunter schlendert sie dabei auch mal ein bisschen von Blume zu Blume auf ihrer Schreibwiese. Gleichzeitig, und das ist neben der Themenvielfalt und variablen Thementiefe meiner Meinung nach eine der großen Stärken ihres Konzepts, wer es gerne kompakter mag, bekommt auch immer wieder kurze Zusammenfassungen und Merksätze. Ein Buch, das man in einem Rutsch, thematisch oder immer wieder einmal reinlesen kann oder auch in allen drei Varianten.
Als ich kürzlich in einer meiner Gruppen mit Frauen nach Krebs Nellas Buch erwähnte, rief eine Frau ganz entzückt aus: „Fliegen mit verklebten Federn? Der Titel gefällt mir schon total gut, denn das beschreibt es doch ziemlich treffend, wie es so ist, nach so einer Erkrankung!“. Finde ich auch. Und nach dem Lesen fühle ich mich auf jeden Fall um einige hilfreiche Tipps zur Gefiederpflege reicher!
Meine Lieblingsübung momentan? „Die zufälligen Fünf“, eine kreative Schreibübung. Findest du auf Seite 84 im Buch.
*Transparenzhinweis: Nella und ich kennen uns aus mehreren Begegnungen im Kontext Leben nach Krebs. U.a. durfte ich 2021 bei einer Blogaktion zur Fragestellung „Willst du dein altes Leben vor der Diagnose zurück?“ mitwirken und meine Antwort auf diese Frage floss in das letzte Kapitel des hier besprochenen Buches mit ein. Nella hat mir nach Veröffentlichung ein Rezensionsexemplar zukommen lassen. Damit waren allerdings keinerlei Aufforderungen zur Besprechung ihres Buches oder Zahlungen für Werbung verbunden. Ich habe sehr gern und aus freien Stücken zu diesem Buch geschrieben, weil ich es wertvoll finde.
